Filmkritiker · Freelance Journalist · Filmemacher
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Dienstag, 30. Juni 2026 Das Tier im Mensch und die Liebe in Kriegszeiten Fast wie in alten Zeiten - heute gab es endlich mal wieder ein Presse-Doppel! LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS (1:2.35, 5.1) OT: Kota Verleih: Neue Visionen Land/Jahr: Deutschland, Griechenland, Ungarn 2025 Regie: Pálfi György Darsteller: Yannis Kokiasmenos, Maria Diakopanayotou, Argyris Pandazaras Kinostart: 06.08.2026
Ein dunkelbraun gefiedertes Huhn, das für den Suppentopf bestimmt ist, nimmt Reissaus und findet Zuflucht in
einem abgelegenen Bauernhof an der griechischen Küste. Während es die ständigen Übergriffe des weiß
gefiederten Hahns über sich ergehen lassen muss, gehen die Bewohner des kleinen Hofs illegalen Geschäften
nach... Zu behaupten, dass Pálfi Györgys Film ungewöhnlich sei, dürfte leicht untertrieben sein. Tatsächlich
versteckt sich in seinem exzellent fotografierten Film (Kamera: Giorgos Karvelas) der wohl ungewöhnlichste
Film seit langer Zeit! Was anfangs noch eine ziemlich lustige Geschichte ist, entwickelt sich immer mehr zu
einem tragisch-drastischen Film, in dem es etliche Todesopfer geben wird. Ausbeutung und Gewalt, Hackordnung
und Machtverhältnisse – zentrale Themen, die der Film behandelt. Aus der Perspektive des Huhns geht es dabei
um sehr menschliche Fragen: Wer darf leben? Wer besitzt wen? Was bedeutet Freiheit? Und wie viel Tier steckt
im Menschen? Kein Mainstream, sondern Kino für Kenner.
A SAD AND BEAUTIFUL WORLD (1:1.85, 5.1) OT: Nujum Al'amal W Al'alam Verleih: Neue Visionen Land/Jahr: Libanon, Deutschland, USA 2025 Regie: Cyril Aris Darsteller: Mounia Akl, Hasan Akil, Julia Kassar Kinostart: 20.08.2026
Sie sind im selben Krankenhaus in Beirut in aufeinanderfolgenden Minuten geboren worden: Yasmina und Nico.
Schon in der Schule knüpfen die beiden eine zarte Liebesbande, verlieren sich dann aber aus tragischen
familiären Gründen aus den Augen. Jahrzehnte später begegnen sie sich durch Zufall wieder und Nico, inzwischen
stolzer Besitzer eines Familienrestaurants, ist Hals über Kopf verliebt. Yasmina zögert jedoch, will sie doch
das Land verlassen. Als sie dann von Nico ungewollt schwanger wird, stürzt sie das in einen schweren
Konflikt... Mit seiner mehrere Jahrzehnte umspannenden Liebesgeschichte thematisiert Regisseur Cyril Aris den
Konflikt, mit dem nicht nur Menschen im Libanon, sondern überall auf der Welt zu kämpfen haben, wo Krieg
herrscht: sollen sie ihre vom Krieg gezeichnete Heimat verlassen oder sollen sie bleiben? Sein auf
unterschiedlichen kunstvoll ineinander verwobenen Zeitebenen spielender Film arbeitet genau diesen Konflikt
anhand der Geschichte von Yasmina und Nico heraus. Wunderbar in Szene gesetzt und fotografiert, mit tollen
Schauspielern besetzt und einem exzellenten Sound Design ausgestattet, schlägt der Film die Zuschauenden von
der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann. Am Ende löst er dann nicht nur den schwelenden Konflikt,
sondern beantwortet auch gleich noch die Frage, was Liebe eigentlich ist. Toller Film, der es verdient im Kino
gesehen zu werden.
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Dienstag, 23. Juni 2026 Hirte mit Steinschleuder Passend zur Gluthitze draußen gab es heute eine Pressevorführung im klimatisierten Kino DAVID (1:2.35, 5.1 + Atmos) OT: David Verleih: Kinostar Filmverleih Land/Jahr: USA, Südafrika 2025 Regie: Phil Cunningham, Brent Dawes Kinostart: 17.09.2026
Der unbescholtene, gutherzige Schafshirte David kennt keine Angst, wenn es darum geht, seine Herde gegen
Raubtiere zu verteidigen. Denn sein Vertrauen in Gott ist unerschütterlich. Als er jedoch der neue König von
Israel werden soll, um den schwachen König Saul abzulösen, möchte er es eigentlich gar nicht wahrhaben. Doch
als die Philister sein Volk angreifen wollen und den Riesen Goliath in den Kampf schicken, nimmt er allen Mut
zusammen und tritt mit seiner Steinschleuder gegen den Übermächtigen an... Mit ihrem aus der Bibel
inspirierten Film DAVID beweisen die Regisseure Phil Cunningham und Brent Dawes, dass es auch außerhalb des
Disney-Universums überzeugende Computeranimationen gibt. DAVID gibt sich bildgewaltig und nutzt dafür die
gesamte CinemaScope-Breite. Mit seinen atemberaubenden Kamerafahrten und originellen Perspektiven gerät der
Film zu einem echten Hingucker. Auch die Tonebene lässt keine Wünsche offen und macht den Film zum Erlebnis
für Groß und Klein. Etwas störend in der deutschen Synchronfassung: die Gesangsstimme von David, die nicht
alle Töne zu treffen scheint. Und wenn im Duett gesungen wird, klingt alles leicht breiig. Auch wenn einige
der Figuren ihren Ursprung ganz offensichtlich im Disney/Pixar-Universum haben (beispielsweise Davids kleine
rotzfreche Schwester) und Manches von HERR DER RINGE inspiriert erscheint, tut das der Unterhaltung keinen
Abbruch, weil es einfach gut umgesetzt ist. Und auf der Metaebene vermittelt der Film die Botschaft, dass man
mit Gottvertrauen alles schaffen kann, auch wenn es anfangs ausweglos erscheint. Es gewinnt eben nicht immer
der Stärkere.
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Mittwoch, 17. Juni 2026 Im Hinterzimmer der Angst Der Erstlingsfilm eines YouTubers stand heute auf meinem Kino-Spielplan BACKROOMS (1:1.85 & 1:1.37, 5.1 + 7.1 + Atmos) OT: Backrooms Verleih: Constantin Film Land/Jahr: USA, Kanada 2026 Regie: Kane Parsons Darsteller: Renate Reinsve, Chiwetel Ejiofor, Mark Duplass Kinostart: 18.06.2026
Ein Architekt, der als Geschäftsführer eines Möbelhauses sein tristes Dasein fristet, entdeckt enes Tages eine
unsichtbare, geheime Tür, die in ein weit verzweigtes System von Hinterzimmern führt und in denen irgendetwas
Angsteinflößendes vor sich geht. Als er seiner Therapeutin davon erzählt, schenkt sie ihm keinen Glauben. Bis
er eines Tages spurlos verschwindet und sie selbst die geheime Tür findet... Kane Parsons surrealer Horrorfilm
lässt großen Interpretationsspielraum und sorgt für hitzige Debatten nach dem Kinogang. Was als durchaus
positiv zu bewerten ist. Und sein Film hat viel Potenzial. Alleine schon das klaustrophobische
Produktionsdesign sorgt im Nachgang für Alpträume. Ganz zu Schweigen vom Sound Design, das alle Register
zieht, um die Alpträume zu unterfüttern. Die Geschichte selbst könnte einer Episode der TWILIGHT ZONE
entsprungen sein. Und darin liegt die Krux. Denn was bei einer Länge von 25 Minuten in Ordnung geht, führt bei
110 Minuten zu gewissen Wiederholungen, die den Film leicht ausbremsen. Zumindest habe ich das so empfunden.
Was mich auch etwas gestört hat war die Filmmusik. Die war mir persönlich etwas zu retro. Eine kleine Warnung
an die zart Besaiteten: es gibt – vollkommen unnötig – ein paar krasse Szenen, ohne die der Film sicherlich
deutlich besser gewesen wäre. Man muss nicht alles zeigen, sondern darf Einiges auch der Phantasie der
Zuschauer überlassen. Was deutlich stärker wirkt. Trust me on that! Mein Fazit lautet: ein sehenswertes Stück
Horror mit gewissen Einschränkungen.
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Mittwoch, 10. Juni 2026 Unheimliche Begegnung der vierten Art Mit knapp 80 Jahren hat Steven Spielberg einen neuen Film abgeliefert. Ich habe ihn mir heute angesehen DISCLOSURE DAY - DER TAG DER WAHRHEIT (1:2.35, 5.1 + 7.1 + Atmos) OT: Disclosure Day Verleih: Universal Land/Jahr: USA 2026 Regie: Steven Spielberg Darsteller: Emily Blunt, Josh O'Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo Kinostart: 10.06.2026
Gerade als die ganze Welt am Vorabend eines Krieges steht, will der Cyberspezialist Dr. Daniel Kellner
hochbrisantes Material, das seit Jahrzehnten von Behörden streng gehütet wird, der Weltöffentlichkeit
zugänglich machen. Ihm auf en Fersen sind Einheiten der WARDEX, die ihn von seinem Vorhaben abhalten wollen.
Zur gleichen Zeit macht die TV-Moderatorin Margaret Fairchild eine unheimliche Wandlung durch: sie weiß
plötzlich Dinge, die sie gar nicht wissen kann und spricht Sprachen, die sie nie gelernt hat. Auch das ruft
die fiesen Typen der WARDEX auf den Plan. Noch wissen Daniel und Margaret nichts voneinander. Doch das soll
sich bald ändern... 1977 brachte der damals 31jährige Steven Spielberg UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART
in die Kinos und hat damit Filmgeschichte geschrieben. Jetzt, mit fast 80 Jahren, kehrt er genau dorthin
zurück. Die Struktur beider Filme ist frappierend ähnlich. Damals wie heute lässt er die Geschichte zweier
Menschen parallel laufen bis sie sich schließlich begegnen und der Film damit seine entscheidende Wendung
nimmt. Doch im vorgerückten Alter inszeniert Spielberg seine Geschichte in fast schon gemütlichem Tempo (um
das Wort "zäh" zu vermeiden). Nun mag ich ja langsam erzählte Filme sehr, doch Spielberg drückt hier zu sehr
auf die Bremse. Nichtsdestotrotz versteht er sich bestens darauf Spannung zu erzeugen – wenn auch nicht
durchgehend. Er gibt dem Publikum immer wieder wohl dosierte Hinweise, was hinter all den Aktionen stecken
könnte, bis er dann ganz am Ende die Sache endgültig aufklärt. Und da steht dann seine Botschaft an die Welt.
Eine schöne Botschaft. Und Spielberg schafft es sogar eine Verbindung zu seinem Film von 1977 herzustellen.
Der Kreis schließt sich. Bemerkenswert auch die Tatsache, dass ihm sein Hauskomponist John Williams im zarten
Alter von 96 Jahren den Score zum Film lieferte. Und der ist exzellent wie immer – sogar mit Chorstimme. Meine
Einschätzung: der Film wirkt bei einer Zweitsichtung vermutlich noch besser. Und was bietet sich da besser an
als ihn im Oktober in Karlsruhe im 70mm-Format zu sehen.
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Dienstag, 09. Juni 2026 Musik machen mit dem Vibrator Heute stand mal wieder ein Dokumentarfilm auf dem Programm ENSEMBLE MODERN - WHY WE PLAY (1:1.85, 5.1) Verleih: Arsenal Filmverleih Land/Jahr: Deutschland 2026 Regie: Thorsten Schütte Kinostart: 11.06.2026
Sie sind weltberühmt, doch niemand kennt sie. 18 Musiker, die zusammen das "Ensemble Modern" bilden, ein
Orchester, das sich der zeitgenössischen Musik verschrieben hat. In seinem Dokumentarfilm gibt Thorsten
Schütte tiefe Einblicke in die Arbeitsweise des seit Jahrzehnten agierenden Ensembles und lässt viele der
Mitglieder zu Wort kommen. Der Film beobachtet die Zusammenarbeit des Kollektivs mit modernen Komponist:innen
beim Einstudieren neuer Werke. Der Klangvielfalt scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Mal sind es sphärische
Klänge, mal unangenehme Geräuschkulissen, die die Musiker aus ihren Instrumenten zaubern. Da wundert es nicht,
wenn im "Werkzeugkasten" eines der Musiker auch ein alter Vibrator zu finden ist, mit dem man ungewöhnliche
Klänge erzeugen kann. Was ist die Motivation der Musiker? Wie gehen sie mit dem Alter um? Fragen, die sich
Schütte beantworten lässt, während er parallel Proben und Diskussionen mit den Komponist:innen schneiden
lässt. So entsteht ein extrem unterhaltsamer Film, der gleichzeitig zeitgenössische Musik nahe bringt und
ungewöhnliche Menschen porträtiert.
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Dienstag, 02. Juni 2026 Es geht um den Höhepunkt Hurra - endlich mal wieder eine Pressevorführung! CHÉRIE, ICH KOMME! - DIE ERFINDUNG DER LUST (1:1.85, 5.1) OT: Pour Le Plaisir Verleih: Neue Visionen Land/Jahr: Frankreich 2026 Regie: Reem Kherici Darsteller: Alexandra Lamy, François Cluzet, Reem Kherici Kinostart: 23.07.2026
Nach 20 Ehejahren und etlichen Stunden bei ihrer Sex-Therapeutin gesteht Fanny ihrem Mann Thomas, dass sie
noch nie einen Orgasmus hatte. Der ist freilich vollkommen perplex und weiß gar nicht wie ihm geschieht. Da
macht sich der arbeitslose Bastler und Tüftler daran, seiner Frau einen Orgasmus zu bereiten – mit Lötkolben,
Servomotor und allem was die Werkstatt hergibt... Was im Original ganz dezent "Für die Lust" oder "Für das
Vergnügen" heisst, wurde für den deutschen Markt etwas reisserisch mit "Chérie, ich komme!" übersetzt. Damit
man auch gleich weiß was Sache ist. Inszeniert wurde der Film über die Erfindung eines revolutionären Sex Toys
von Regisseurin Reem Kherici nach wahren Begebenheiten – natürlich mit allen künstlerischen Freiheiten, die
den Stoff kinotauglich machen sollen. Das gelingt sogar recht ordentlich und artet nicht derart aus, wie man
es von thematisch ähnlichen US-Filmen kennt. Freilich wird auch hier an der ein oder anderen Stelle der Bogen
etwas überspannt. Aber wirklich nur ein klein wenig. Großer Pluspunkt: an einer Stelle im Film musste ich
tatsächlich lachen! Das hatte aber nichts mit dem Thema des Films zu tun, sondern vielmehr mit ein paar
Fischen und ihrem düsteren Schicksal. Immerhin. Alexandra Lamy und François Cluzet spielen das Paar, das sich
dem weiblichen Orgasmus annimmt und man schaut ihnen gerne dabei zu. Nicht was Sie denken! Alles in allem hat
Kherici die ganze Sache als Komödie inszeniert. Eine, die im Nachgang nach dem Kinobesuch vielleicht für ein
paar heise Diskussionen sorgen könnte.
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