Wolfram Hannemann

Filmkritiker · Freelance Journalist · Filmemacher

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Donnerstag, 16. September 2026
Beep, Beep!
Nachsitztermin mangels Pressevorführung

COYOTE VS. ACME (1:2.35, 5.1 + Atmos)
OT: Coyote Vs. ACME
Verleih: Capelight Pictures
Land/Jahr: USA 2026
Regie: Dave Green
Darsteller: Will Forte, Lana Condor, P.J. Byrne, John Cena
Kinostart: 16.09.2026

Filmposter: COYOTE VS. ACME Nachdem er viele Jahre lang vergeblich versucht hat, den Road Runner als Festmahl zu verspeisen, reicht es dem Kojoten endgültig. Schuld an seiner Misere sind die Produkte der Firma ACME, die nie so funktionieren, wie es für ihn gut wäre. Also wendet er sich an den erfolglosen Rechtsanwalt Kevin Avery, der ihn unterstützen soll, ACME zu verklagen... Die Inspirationsquelle für Dave Greens Film dürfte Robert Zemeckis Klassiker FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT gewesen sein. Denn hier wie dort wird eine Welt erschaffen, in der Menschen und Toons koexistieren. Auch dieses Mal ist das ganze Unterfangen wieder aufwändig in Szene gesetzt und die Grundidee ist ganz amüsant. Leider jedoch vermag Hauptdarsteller Will Forte den Film nicht zu tragen. Da war Bob Hoskins im Zemeckis-Film eine ganz andere Hausnummer. Trotz der vielen kleinen und witzigen Details, die in die Geschichte eingebaut wurden und den "Toons"-Kenner herausfordern, wirkt der Film insgesamt etwas langweilig. Da hätte man sich doch etwas mehr Pep gewünscht. Gut gemeinte Unterhaltung, die irgendwann auf der Strecke bleibt.
Dienstag, 15. September 2026
Von Menschen und Vögeln
Heute mal wieder einen Dokumentarfilm geschaut

WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS (1:2.35, 5.1)
Verleih: Real Fiction
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken
Kinostart: 01.10.2026

Filmposter: WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS Der Titel ist Programm. Denn die beiden Dokumentarfilmer Ulrike Franke und Michael Loeken tun genau das: sie schauen Menschen über die Schulter, die sich dem Beobachten von Vögeln verschrieben haben. In kinotauglichen CinemaScope-Bildern lassen sie die Freizeit-Ornithologen zu Wort kommen und erklären, warum sie überhaupt Vögel beobachten. Einer von ihnen ist der weltberühmte Autor Jonathan Franzen, der es auf den Punkt bringt: "Ein Grund, warum Wildvögel so wichtig sind ist der, dass sie unsere letzte, beste Verbindung zu einer natürlichen Welt darstellen, die ansonsten im Schwinden begriffen ist." In diesem Dokumentarfilm geht es also um weit mehr als nur schrullige Typen zu zeigen, die sogenannten "Birder". Er ist nicht nur ein Appell an die Menschen, sondern auch eine Warnung: wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir wohl kaum überleben. Die Vögel werden auf eine berauschende, fast unheimliche Art zur Metapher für den Zustand der Welt. Ein Film mit einer klaren Botschaft. Sehenswert.
Donnerstag, 10. September 2026
Lehrerin contra Systemsprenger
Ein bisschen schwarzer Humor hat noch nie geschadet

BAD APPLES (1:1.85, 5.1)
OT: Bad Apples
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland
Land/Jahr: Großbritannien 2025
Regie: Jonatan Etzler
Darsteller: Saoirse Ronan, Eddie Waller, Nia Brown, Jacob Anderson, Rakie Ayola, Robert Emms, Sean Gilder
Kinostart: 10.09.2026

Filmposter: BAD APPLES Wie umgehen mit Systemsprengern? Grundschullehrerin Maria ist mit den Gewaltausbrüchen des 10järigen Danny komplett überfordert. Die Schulleitung verweigert ihr aus Kostengründen Hilfe. Die nicht gerade durchsetzungsstarke Maria wird also mit dem Problem alleingelassen. Doch der Zufall hilft ihr: Sie erwischt Danny beim Demolieren von Autos. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Und plötzlich ist Danny bewusstlos. Ohne zu überlegen nimmt ihn Maria mit in ihr Haus – und sperrt ihn in den Keller... Wenn das Erziehungssystem versagt, hilft nur noch Eigeninitiative. So funktioniert das zumindest in Jonatan Etzlers schwarzhumorigem Drama, das mit ein paar netten Plot Twists aufwartet. Getragen wird der Film von der Irin Saoirse Ronan, die in der Rolle der Lehrerin Maria einmal mehr zu Hochform auflaufen darf. Der exzellent fotografierte (Nea Harnebrandt Asphäll) und mit einem perfekten Score (Chris Roe) ausgestattete Film behandelt ein gesellschaftsrelevantes Thema auf unterhaltsame Weise. Und man fragt sich instinktiv: würde ich genauso handeln wie Maria? Die Antwort darauf dürfte sicher eine hitzige Diskussion auslösen.
Dienstag, 08. September 2026
Geschichtsmikrokosmos und TV-Geschichte
Ein packendes Double Feature wie schon lange nicht mehr

HEIMSUCHUNG - EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE (1:1.85, 5.1 + Atmos)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Volker Schlöndorff
Darsteller: Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting
Kinostart: 15.10.2026

Filmposter: HEIMSUCHUNG - EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE Ein malerisches Grundstück an einem See nahe Berlin wird zum Schauplatz wechselnder Besitzer und ihrer Schicksale – geprägt von den historischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. In den 1930er-Jahren erwirbt ein jüdischer Tuchfabrikant einen Teil des Grundstücks für seine Familie, muss ihn jedoch schon bald wieder verkaufen. Nebenan errichten ein Architekt und seine Frau ein modernes Haus. Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht der Architekt in Ostberlin Fuß zu fassen, scheitert jedoch am DDR-System und flieht mit seiner Frau in den Westen. Das Haus geht daraufhin an eine Schriftstellerin und ihren Mann, die Deutschlands Nazi-Zeit im sowjetischen Exil überlebt haben. Bis zum Mauerfall wird schließlich deren Enkelin hier ihre Sommer verbringen... Selten hat mich in letzter Zeit ein Film so berührt wie Volker Schlöndorffs kleines Epos. Entstanden nach dem autobiographisch angehauchten Roman von Jenny Erpenbeck wird der Film zu einem Mikrokosmos deutscher Geschichte. Frei nach dem Motto "Wenn ein Haus erzählen könnte" lässt Schlöndorff viele Jahrzehnte Revue passieren – stets aus der Perspektive der Menschen, deren Lebensmittelpunkt jenes Haus am See bildete. Da wird vom Krieg erzählt, ohne ihn je zu zeigen. Von Vertreibung, von Verfolgung, von Deportation – die Grausamkeit entwickelt sich hier allein im Kopf der Zuschauenden und wirkt dadurch um ein Vielfaches mehr. Großen Anteil an der emotionalen Wirkung des Films hat der Score von Annette Focks, die mit ungewöhnlichen Klängen und einem wortlosen Chor arbeitet. Die Bilder von Kameramann Axel Schneppat mit ihrer stimmigen Farbgebung erzeugen immer wieder magische Momente. Das handverlesene Ensemble um Lars Eidinger und Martina Gedeck geht in seinen Rollen auf und wirkt dadurch extrem authentisch – sogar Detlev Buckin in der Rolle eines brutalen Patriarchs. HEIMSUCHUNG ist großes Kino, das einen nicht mehr loslässt. Mein Fazit: unbedingt ansehen.

PRIMETIME (1:1.50, 5.1 + Atmos)
OT: Primetime
Verleih: Leonine Studios
Land/Jahr: USA 2026
Regie: Lance Oppenheim
Darsteller: Robert Pattinson, Skyler Gisondo, Anna Faris, Merritt Wever
Kinostart: 24.09.2026

Filmposter: PRIMETIME Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zum Film erst ab 21.09.2026 an dieser Stelle
Mittwoch, 02. September 2026
Müßiggänger und Zukunftsmenschen
Selten genug: ein Pressedoppel. Ich hab's genossen.

NICHTSNUTZE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Camino
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Sedat Aslan
Darsteller: Deniz Arora, Sina Tkotsch, Benito Bause, Constantin von Jascheroff
Kinostart: 22.04.2027

Filmposter: NICHTSNUTZE Mit Anfang 30 sollte man eigentlich wissen, wo die Reise hingeht. Emre allerdings lässt sich lieber treiben. Verantwortung, Karriere, Zukunft? Kann warten. Doch zwischen Freunden, Beziehungen und den Erwartungen seiner Umwelt gerät sein entspanntes Leben zunehmend ins Wanken. Plötzlich muss sich der Heidelberger Nichtsnutz fragen, was er eigentlich vom Leben will... Bereits in der ersten Hälfte seines Debütfilms zeigt Regisseur Sedat Aslan, dass er sein Handwerk souverän beherrscht. Einfallsreiche Bildgestaltung, flotte Schnitte, moderne Musik und dazu noch Mono- und Dialoge, die ebenso tiefschürfend wie originell sind. Laut eigenem Bekunden wollte er "einen schnellen, handlungs- und musikgetriebenen Unterhaltungsfilm über junge Erwachsene, der komisch, emotional und genreübergreifend erzählt und dabei gesellschaftliche Fragen stellt, ohne sie vor sich herzutragen" machen. Genau das gelingt ihm auch Dank eines gut aufgelegten Casts wirklich gut. Die zweite Hälfte des Films lässt dann aber spürbar nach. Da wird es plötzlich brutal und gefährlich und die Story wird als Drehbuch entlarvt. Will heissen: die Stimmung kippt und die Handlung wirkt zu konstruiert. Das ist freilich sehr schade, zumal der Anfang wirklich rundum gelungen ist. Doch gemessen daran, dass es ein Debütfilm ist, darf man trotzdem schon jetzt auf Aslans nächsten Film gespannt sein.

CORPUS DELICTI (1:2.35, 5.1)
Verleih: Leonine Studios
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Lena Stahl
Darsteller: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Haley Louise Jones, Christian Friedel
Kinostart: 01.10.2026

Filmposter: CORPUS DELICTI In naher Zukunft verspricht die "Methode" Gesundheit und maximale Sicherheit für alle. Doch für Wissenschaftlerin Mia Holl (Hannah Herzsprung) gerät die schöne neue Welt ins Wanken, als ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) des Mordes beschuldigt wird. Obwohl die Beweise erdrückend sind, glaubt Mia an seine Unschuld und legt sich mit einem System an, das keine Zweifel duldet. Ihr Kampf um die Wahrheit macht sie schließlich selbst zur Gejagten... Der von Lena Stahl in Szene gesetzte Film ist so etwas wie Deutschlands Antwort auf GATTACA. Hier wie dort wird eine nahe Zukunft geschildert, in der die Menschen von einer Obrigkeit regiert wird, die nur scheinbar dem Wohle der Menschheit dient. Die Künstlichkeit dieser Welt spiegelt sich in den gelackten CinemaScope-Bildern von Kameramann Philipp Haberlandt – kühl und farbentsättigt. Volker Bertelmann und Lennart Saathoff liefern einen beeindruckenden Score zu diesen Bildern und die Tongestaltung tut ein Übriges, um keinesfalls Wohlbehagen zu erzeugen. Stahl inszeniert ihren nach einem Buch von Juli Zeh entstandenen Film sehr spannend und mit einer auf Hochform agierenden Hannah Herzsprung. Genre-Kino mit Tiefgang, wie man es gerne öfters aus deutschen Landen sehen möchte.
Dienstag, 01. September 2026
Blutwurst mit Wiener Schmäh
Heute gab sich Isabelle Huppert als Vampirgräfin die Ehre in der Pressevorführung

DIE BLUTGRÄFIN (1:1.85, 5.1)
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Österreich, Luxemburg, Deutschland 2026
Regie: Ulrike Ottinger
Darsteller: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung
Kinostart: 29.10.2026

Filmposter: DIE BLUTGRÄFIN Alle 25 Jahre taucht sie in Wien auf – die Blutgräfin Elizabeth Bathory, deren Appettit auf das Blut junger Mädchen legendär ist. Jetzt ist es wieder soweit und so hat die Bathory ihren großen Auftritt im Wien der Gegenwart. Nicht nur ihren blutigen Hunger will sie stillen, sondern auch ein mysteriöses Buch finden, bei dessen Lektüre Vampire wieder menschlich werden – und das darf freilich nicht sein! – Ziemlich opulent gibt sich Ulrike Ottingers Vampirgroteske. Das zumeist nächtliche Wien als imposante Kulisse, Isabelle Huppert als Grande Dame in wallenden Gewändern, dazu alles gewürzt mit einer großen Prise Wiener Schmäh. Dass die Bilder so beeindruckend sind, wundert nicht weiter. Schließlich hat sie einer der besten Kameramänner Österreichs eingefangen: Martin Gschlacht. Sein Spiel mit Licht und Farben hebt den Film auf ein hohes Niveau. Was das Drehbuch angeht, das Regisseurin Ulrike Ottinger gemeinsam mit Elfriede Jelinek geschrieben hat, so darf man durchaus mit den Achseln zucken. Das ist freilich alles weder ernst noch böse gemeint, wird sich aber vermutlich vielen Zuschauenden nicht so recht erschließen – mich mit eingeschlossen. Man hat fast den Eindruck, Huppert wollte endlich mal Blut lecken und Ottinger ist bereitwillig aufgesprungen. Sie serviert nicht nur Blutwurst, sondern gibt auch noch Conchita Wurst dazu – samt Gesangseinlage. Mit fast zwei Stunden ist der Film auf jeden Fall zu lang, zumal die morbiden Scherze in Dauerschleife laufen. In die Tonspur wird dann auch noch schwülstige Orchestermusik gegossen – der Tanz der Vampire kann beginnen. Ach was war Polanskis Ausflug ins Vampirgenre dagegen noch großartig!

WHERE THE WAVES TOOK HER (1:2.35, 5.1)
Verleih: UCM.ONE GmbH
Land/Jahr: Deutschland 2025
Regie: Jana Stallein
Kinostart: 03.09.2026

Filmposter: WHERE THE WAVES TOOK HER In ihrem visuell beeindruckenden Dokumentarfilm begleitet Regisseurin Jana Stallein die Berliner Hebamme Anne-Katrin bei ihrer ersten Mission auf einem Seenotrettungsschiff. Ihr Einsatz ist im Mittelmeer, über das unzählige Menschen vom afrikanischen Kontinent nach Europa flüchten. Stallein dokumentiert Einsätze, bei denen Menschen aus überfüllten Schlauchbooten bei Tag und Nacht gerettet werden. Unterbrochen werden die hektischen Rettungssequenzen, die mittels Langzeitbelichtung aufgenommen wurden, um die Anonymität der Flüchtlinge zu wahren, von Studioaufnahmen mit Frauen, denen die gefährliche Flucht übers Mittelmeer gelang. Sie erzählen aus dem Off von den Traumata, die sie bei ihrer Flucht erfahren haben. Auf der Bildebene sitzen sie auf einem Stuhl inmitten eines dunklen, wassergefüllten Beckens vor einer Rückproleinwand, auf der Meereswellen oder auch der Nachthimmel zu sehen sind. Während sie aus dem Off erzählen, können die Zuschauenden ihre eindringlichen Gesichter studieren. Aus den Erzählungen wird klar, warum diese Frauen, die stellvertretend für unzählige andere Frauen sprechen, die gefährliche Flucht überhaupt angetreten haben. Insbesondere was es bedeutet, als schwangere Frau fliehen zu müssen. Wenn Anne-Katrin und der Rest der Bootsbesatzung am Ende der ersten Mission 200 Flüchtlinge gerettet hat, wird schnell klar, dass dies nur ein Tropfen auf dem heissen Stein sein kann. Großen Anteil an der Wirkung des Films, der emotional aufrüttelt, hat die Filmmusik (Komponist: Henric Schleiner).